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Literatur kann bewegen

Von: verleger

Am 15. November 2006 fand im Leipzig Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung in Leipzig eine Veranstaltung unter dem Titel "Gedenken würdig gestalten - Geschichte der "Kindereuthanasie" in Leipzig" statt.
Die Diskussion nach den Referaten brachte etliche Ergebnisse, das Beisammensein der Fachleute aus verschiedenen Bereichen der Stadt Leipzig scheint dabei wohl die wichtigste Erkenntnis der fachübergreifenden Aufarbeitung. Die Jugendarbeit an den Schulen wird weiter forciert, das öffentliche Gedenken wird in überschaubarer Zeit erfolgen. Überraschend war das beherzte Auftreten einer Frau aus Pomßen, die sich als Schwester des in den Geschichtsbüchern auftauchenden „Kindes K.“ zu erkennen gab. Jenes Kind soll der erste Fall (Pseudonym Knauer) der Kindereuthanasie gewesen sein, ein Kind das auf Wunsch der Eltern von Prof. Werner Cartel in Leipzig getötet wurde und dem Stab um Hitler zeigte, wie einfach doch die Beseitigung des „unwerten Lebens“ war. Die jetzigen Historiker der Uni Leipzig wurden damit vor neue Herausforderungen der Aufarbeitung gestellt.
Ins öffentliche Rollen kam die Auseinandersetzung mit der Thematik auch dadurch, dass sich Leipzigs OBM Burghard Jung, während seines ersten Sommerurlaubs als OBM der Stadt, mit dem Buch "Der unwerte Schatz" des Naunhofer Autors Tino Hemmann auseinandersetzte.
Hemmann liest häufig vor Gymnasiasten und Mittelschülern, oft auf eigene Faust. „Die brisante Thematik wurde sechs Jahrzehnte unter den Tisch der Vergessenheit gekehrt, eine Mahnung, dass sich so etwas nicht wiederholt, gab es in Sachsen bisher kaum“, sagt der Autor. „Dabei sind wir heute längst wieder an jenem Punkt angelangt, da ein Kind durch seinem menschlichen Wert für die Gesellschaft geschätzt, sondern seine Kosten von der Gesellschaft aufgerechnet werden.“
Am 1. September 2006 jährte sich zum 67. Mal der offizielle Beginn der Euthanasieaktion der Nationalsozialisten. Euthanasie heißt "Schöner Tod", Hitler und sein Ärztestab verfolgten damit die Beseitigung deutscher Behinderter, Kranker und nachweislich auch verhaltensauffälliger Kinder. Letztendlich wurde aus der angeblichen Euthanasie eine der größten Mordaktionen der Menschheitsgeschichte, mit unzähligen Beteiligten und Opfern.
Um Geld für den Krieg zu sparen, um Platz für Soldatenlazarette zu schaffen, um die arische Rasse von "Erbkranken" zu säubern, ja um den Bedarf bestimmter Ärzte an menschlichem Material zu befriedigen, brachte die Gemeinnützige Krankentransport GmbH immer wieder deutsche Kinder in grauen Bussen mit lackierten Fenstern in die Vernichtungsanstalten des Deutschen Reiches. 13.720 Menschen wurden allein in der Pirnaer Vernichtungsanstalt "Sonnenstein" vergast. Parallel zu dieser Vernichtungsaktion wurde in den Anstalten, Kinderfachstationen und Kinderpsychiatrien gemordet. Ohne Unterlass. Dass Leipzig dabei eine zentrale Rolle spielte, zeigt sich in den aktenkundigen Aufarbeitungen der letzten Jahre. 503 Fälle von Kindern, die in Leipzig umgebracht wurden, sind vom Psychiatriekoordinator der Stadt Leipzig mittlerweile aufgearbeitet. Mit zwei von dreißig Reichs-Kinderfachabteilungen, die damals kaum ein Kind lebend verlassen konnte, ist dies aber nur die Spitze eines Eisberges.
Durch die Erhebung der Thematik aus der Tabuzone der vergangenen sechzig Jahre, ist es nun möglich geworden, in Leipzig ein Denk- und Mahnmal für die ermordeten Kinder zu erschaffen, sie der Vergessenheit zu entreißen.
Eines der betroffenen Kinder beschreibt Hemmann in seinem fesselnden Roman, atemberaubend die Kaltblütigkeit, mit der Ärzte und Pfleger vorgingen, ein Zeitdokument, das sich mit Geschehnissen befasst, die im Geschichtsunterricht kaum erwähnt werden: Die Aktion T4 und die Mordaktion auf deutschen Kinderkrankenstationen. - Hugo Hassel wird Heiligabend 1931 in Leipzig geboren, bald schon ist er Vorzeigebeispiel für die arische Rasse, blond und blauäugig und außergewöhnlich intelligent. Dass der Vater für sein soziales Abseits einen Prügelknaben sucht, bekommt Hugo bald zu spüren. Da ist Fritz, der Zwillingsbruder Hugos, der die Misshandlungen über sich ergehen lässt. Er ist Hugos bester Freund. Doch Fritz existiert nicht wirklich. Die intensiven Gespräche und Erlebnisse, zwischen Hugo und Fritz, sind für die Außenwelt Selbstgespräche. Bei der obligatorischen Schuluntersuchung 1938 fällt Hugos ausgeprägte multiple Persönlichkeitsstörung auf, damals fälschlicherweise oft der Schizophrenie oder Idiotie gleichgestellt. Fortan interessieren sich die Professoren der Kinderklinik der Leipziger Universität für Hugo, der wie die Gleichaltrigen seine Kindheit genießen will. Hemmann beweist die kindliche Normalität des Jungen, im Kartoffellager, in der Schule. Allmählich jedoch erfolgt die Ausgrenzung des Jungen, er passt nicht in das vorgeschriebene System: Hugos ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, seine krankheitsbedingten Träume, die Machtlosigkeit derer, die dem Jungen helfen wollen, seine Selbstgespräche sorgen dafür, dass ein Professor der Kinderpsychiatrie in Hugo ein Forschungsobjekt erkennt. Keineswegs will er damit dem Jungen helfen. Die Mutter muss das Kind an ihn abtreten. Sein Ziel, das Gehirn des kleinen Jungen nach dessen Vergasung zu untersuchen, um damit Berühmtheit zu erlangen, wird unterstützt durch die Manipulation eines Meldebogens im Rahmen der von Hitler gewünschten Euthanasieaktion T4 und der Legalisierung des Mordvorhabens an dem kleinen Jungen. Hugo Hassel – das Pseudonym für die vielen in ermordeten Leipziger Kinder – gerät mehr und mehr in den Strudel nazistischer und ärztlicher Machenschaften, in den Wahnsinn einer Zeit, die bestimmt wird von Krieg und Korruption, und von der höchsten Form der Verachtung der Menschenwürde: der Vernichtung angeblich unwerten Lebens. Der Roman kennt keine Kompromisse, denn gegenüber den betroffenen Kindern gab es sie nicht.
1939 begann die Vernichtung "lebensunwerten" Lebens. Genannt wurde diese Aktion T4, nach dem Sitz der zentralen Dienststelle in Berlin, Tiergartenstraße 4. Denn dort wurden die Meldebögen zentral erfasst, die später von drei Gutachtern ausgewertet wurden, die aus der Ferne über Leben oder Tod des Kindes befanden. Einer dieser Gutachter war der Leipziger Kinderarzt Prof. Werner Cartel.
Nach 1941 kam es im deutschen Reich zu einer wilden Euthanasie. Unzählige Menschen ließ man verhungern oder half mit Überdosen von Medikamenten nach, mittlerweile geht man davon aus, dass eine große Anzahl wehrloser Kinder auch ohne die offizielle Meldung an den Reichsausschuss und damit ohne "Bürokratie" ermordet wurde.

In den nächsten Wochen liest Hemmann mehrfach aus seinem ergreifenden Buch:
Dienstag, 28. November 2006, 17 Uhr, Zur Neuberin, Richard-Wagner-Platz 1, 04109 Leipzig
Donnerstag, 30. November 2006, 18.30 Uhr, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Schützenhofstraße 36, 01129 Dresden
Dienstag, 12. Dezember 2006, 19 Uhr, Buchhandlung "Seitenblick", Goetzstraße 2 (Lindenauer Markt), Leipzig - Hier mit visueller Unterstützung für Gehörlose.

"Der unwerte Schatz" erschien 2005 unter der ISBN 3-938288-41-8,
das Taschenbuch hat 440 Seiten und kostet 16 Euro.
(www.tino-hemmann.de)

Rezensionsexemplar: info@engelsdorfer-verlag.de


Resourcen zum Thema

www.tino-hemmann.de www.engelsdorfer-verlag.de www.lizzy-online.de


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